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WAZ-Fanpost - Volllast, Vorsicht, Frankfurt

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Liebe Leserinnen und Leser,
…der April und der Oktober – das sind die Monate, in denen wir und alle anderen Sport-Redaktionen des Landes normalerweise unter Volllast segeln. Alle Wettbewerbe laufen, viele Sportarten sind in ihrer entscheidenden Saison-Phase oder legen gerade mit ihrer Spielzeit so richtig los. Dass in diesem Jahr alles anders ist, muss ich Ihnen nicht erzählen. Der Amateursport ruht, Fragen wie „Wer steigt auf?“ oder „Wer wechselt den Verein?“ werden überlagert von der Frage: „Wann geht‘s auf den Fußballplätzen, den Sporthallen und den Laufbahnen überhaupt mal weiter?“ Das Bewusstsein dafür, Risiken minimieren zu müssen und die gleichzeitige Sehnsucht nach Normalität - auch im Sport - konkurrieren überall. Diesen Konflikt müssen alle aushalten. Die, die politische Entscheidungen treffen, die, die sie bewerten – und die, die mit ihnen leben müssen.
Der Profisport überall auf der Welt hat in diesem Konflikt seine Nische gefunden, liefert mit Hygienekonzepten und Sonderregeln weiterhin Stoff für TV-Unterhaltung, bereitet sich zudem so langsam auch auf eine Zuschauer-Rückkehr vor. Wie brüchig dieses Konstrukt sein kann, hat sich gerade in der 2. Liga gezeigt, wo sich die Teams des SV Sandhausen und des Karlsruher SC wegen Corona-Fällen in Quarantäne begeben müssen. Das Spielplan-Durcheinander, das dadurch entsteht, mag in dieser Liga lösbar sein, aber eine Liga weiter oben wäre es katastrophal, weil Relegationsspiele, U21-EM-Endrunde und die große EM für einen so engen Zeitplan sorgen, dass es kaum Möglichkeiten gibt zu reagieren. Alle Bundesliga-Teams sicherheitshalber in Vorsichts-Quarantäne zu schicken, ist darum eine naheliegende und gute Idee – auch wenn das erste angedachte Zeitfenster erst einmal verworfen wurde. Dabei geht es nicht nur darum, den Spielplan vor Gefahren zu schützen. Sondern auch um die Glaubwürdigkeit des Profisports, von dem völlig zu Recht immer wieder verlangt wird, dass er alles in seiner Kraft stehende unternimmt, um seine Sonderrolle in der Pandemie weiter spielen zu dürfen.
Eine Sonderrolle, die dafür sorgt, dass der Sport auch weiterhin die zu dieser Jahreszeit üblichen Schlagzeilen produzieren kann – dazu gehören Transfergerüchte, die sich gerade vor allem um mögliche Trainerwechsel drehen. Sehr viel wird davon abhängen, was in der Bundestrainer-Frage passiert: Sollte der Nachfolger von Joachim Löw aus der Bundesliga kommen (Hansi Flick), ist eine Kettenreaktion wahrscheinlich. Sollte es aber eine DFB-interne Lösung geben – etwa mit U21-Coach Stefan Kuntz oder dem weithin unterschätzen Löw-Co-Trainer Markus Sorg, finden sich womöglich mehr Bundesliga-Übungsleiter auch in der kommenden Saison auf ihrem aktuellen Trainerstuhl wieder als wir momentan glauben. Auch Oliver Glasner und Adi Hütter könnten dazugehören, die beiden Österreicher stehen sich am Samstag mit dem VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt im direkten Duell gegenüber. Ein enorm interessantes Spiel, weil beide Teams überraschend erfolgreich sind, mit klugen Transfers und einer klaren Spielidee überzeugend, dabei aber doch sehr unterschiedlichen Fußball spielen: Während beim VfL mannschaftliche Geschlossenheit und hohe Defensiv-Disziplin die wichtigsten Faktoren sind, steht bei der Eintracht mit Spielern wie André Silva, Amin Younes oder Filip Kostic eher individuelle Offensivqualität im Vordergrund. Und hinten räumt einer auf, der in Wolfsburg immer noch tolle Erinnerungen hervorruft: Makoto Hasebe, der älteste noch aktive VfL- Meisterspieler von 2009.
Die Meisterschaft der VfL-Männer war eine einmalige Sache, die VfL-Fußballerinnen dagegen sind seit Jahren das Nonplusultra in Deutschland. Dass dieser Status wackelt, zeigt diese Saison – dass das Team immer noch stark genug ist, um mit jedem Gegner mitzuhalten, zeigte das 2:0 im Pokal-Halbfinale gegen Bundesliga-Spitzenreiter Bayern München. Dass der VfL seit 2013 in jedem (!) Jahr mindestens einen Titel – Meisterschaft, Pokal, Champions League – gewonnen hat, ist eine unglaubliche Serie. Die Mannschaft kämpft darum, dass die Serie weitergeht, im Pokalfinale wird Wolfsburg gegen Frankfurt Favorit sein, im Rennen um den Bundesliga-Titel ist die Ausgangslage schwieriger, aber die Chance ist immer noch da. Wichtiger fast: Man hat sich daran gewöhnt, dass die VfL-Frauen Trophäen einsammeln. Was passiert, wenn Titel ausbleiben und wie sich Selbstverständnis sowie Akzeptanz im eigenen Verein und öffentlicher Wahrnehmung dann entwickeln, wird zu den spannenden Fragen der nächsten Jahre gehören. Denn dass die Titelsammlung mittelfristig weiter wächst, ist angesichts der Anstrengungen, die der FC Bayern und die internationalen VfL-Konkurrenten unternehmen, leider fast ausgeschlossen. 

Was war sonst? Unsere fünf Themen der Woche:

Wolfsburgs einziger Wolfsburger freut sich über den neuen Vertrag
Von der Regionalliga in die Bundesliga: Wie Ex-VfLer Stach in Fürth den Durchbruch schaffte
HSC gerettet, Havelse in Relegation: Saison in Regionalliga Nord wird abgebrochen
Bitter: Bärenstarke Grizzlys verlieren in München ganz spät 3:4
Quarantäne vorbei: Jetzt schuftet Judo-Ass Scoccimarro auf La Palma für Olympia
Mein Satz der Woche:

“Makoto ist der professionellste Spieler, den ich meiner Karriere kennengelernt habe.”
VfL-Sportdirektor Marcel Schäfer über seinen Ex-Mitspieler Makoto Hasebe
Ich wünsche Ihnen eine sportliche Woche!
Andreas Pahlmann
AZ/WAZ-Sportredaktion
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