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WAZ-Fanpost - Moral, Moneten und die Sache mit der Nummer

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Liebe Leserinnen und Leser,
……die “Ever Given” würde sich keinen Millimeter rühren, nur weil Fußballer auf ihren Shirts für beweglichere Frachtschiffe im Suezkanal werben. Corona würde nicht verschwinden, nur weil Fußballer das Ende der Pandemie fordern. Und für keinen der am WM-Stadionbau in Katar beteiligten Arbeiter werden die Bedingungen besser, weil sich die Spieler der deutschen Nationalmannschaft wie am Donnerstag die Buchstaben der Worte “Human Rights”, Menschenrechte, auf die Brust malen.
Alles nur Show also, eine unehrliche noch dazu, weil WM-Gastgeber Katar längst mannigfaltig mit der Bundesliga - vor allem mit Primus Bayern - verbunden ist? Darf der Fußball Katar kritisieren und dennoch seinen Teil vom Milliarden-Kuchen abschneiden, der in der Golf-Region unter fragwürdigen Umständen gebacken wird? Der Vorwurf der Doppelmoral ist längst in der Welt, und er bezieht sich vor allem auf die Spieler des FC Bayern, deren Klub eine Partnerschaft mit Qatar Airways pflegt und seine Trainingslager in Doha abhält. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch weitere Verbindungen im Vorfeld der WM 2022 noch kritischer als bisher beleuchtet werden. 17 Prozent der Volkswagen-Anteile gehören dem Emirat Katar, das damit auch Teil-Eigner der 100-prozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg Fußball GmbH ist. VW ist zudem auch DFB-Hauptsponsor. Auch an der Deutschen Bank, Namenssponsor des Frankfurter Stadions, ist Katar beteiligt. Und es gibt noch viele weitere Beispiele dafür, wie viele Fäden zwischen dem Fußball und dem Emirat verknüpft sind.
Jede Kritik, die aus dem Fußball in Richtung Katar, WM-Vergabe, Arbeitsbedingungen und Menschenrechte kommt, ist damit per se fragwürdig. Denn vereinfacht könnte man ja sagen: Wenn ihr den Laden da unten so doof findet, denn arbeitet doch nicht mit denen zusammen! Aber solche Forderungen sind angesichts der Verflechtungen naiv, weltfremd und wohlfeil. Was bleibt also denen übrig, die vielleicht tatsächlich wollen, dass sich vor Ort etwas ändert? Sie können das zur Verfügung stellen, was sie in ihrem Job täglich massenhaft produzieren: Aufmerksamkeit. Das haben die DFB-Fußballer ebenso wie zuvor ihre norwegischen Kollegen getan.
Danach haben sie beim 3:0 gegen Island auch sportlich ziemlich überzeugt – ohne Ridle Baku. Den Wolfsburger hätten viele statt in der U21 gern in der A-Nationalmannschaft gesehen, und der EM-Zug ist für den Shootingstar des VfL Wolfsburg auch noch nicht abgefahren. Aber aktuell ist er in der U21 nicht nur gut aufgehoben, sondern auch unverzichtbar, wie er gegen Ungarn gezeigt hat. Die 10 Millionen Euro, die der VfL für ihn ausgegeben hat, haben sich längst als extrem gute Investition erwiesen.
Die A-Elf in der WM-Quali, die U21 in der EM-Gruppenphase – Länderspiele statt Bundesliga, das ist an diesem Wochenende das Fußball-Motto. Baku gibt‘s auf Pro7, die Löw-Elf auf RTL, Xaver Schlager, Kevin Mbabu und viele andere VfLer auf DAZN. Wer mag, kann am Ball bleiben. Wer das auch beim Frauenfußball bleiben will, der steht oft genug nicht vor der Frage, wo, sondern ob ein Spiel läuft. Dass der Halbfinal-Kracher zwischen Wolfsburg und dem FC Bayern am Ostersonntag um 14 Uhr in der ARD läuf, ist darum durchaus bemerkenswert – denn die regelmäßige Berichterstattung wird erst nach und nach selbstverständlich.
Wolfsburgs Fußballerinnen sind dabei in einer ungewohnten Situation. Denn nach Triple-Gewinn 2013 gab es in jedem Jahr mindestens einen der drei Titel – Meisterschaft, Pokal, Champions League. In diesem Jahr kann es passieren, dass der VfL tatsächlich mal wieder eine Saison ohne Trophäe beendet. In der Liga beträgt der Rückstand fünf Punkte auf die Bayern, die darum auch Favorit im Pokal-Duell sind. Und in der Champions League hat Chelsea das Hinspiel mit 2:1 gegen Wolfsburg gewonnen. Dass der VfL in dieser Partie die bessere Mannschaft war, macht Hoffnung fürs Rückspiel am kommenden Mittwoch – aber sicher ist das Weiterkommen nicht.
Das Hinspiel fiel auf den fünften Todestag von Johan Cruyff. Die Niederländer prägte mit Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft zu Beginn der 70er Jahre eine Art des Fußballs, die wir noch heute als „modern“ begreifen würden. Pressing, Positionswechsel, permanente Bewegung auch dort, wo der Ball gerade nicht ist: Cruyff, Taktgeber, Antreiber und Torschütze, stand wie kein anderer Spieler für „Voetbal total“, wie man das damals nannte. Aber der wohl bekannteste Raucher unter den Weltstars des Fußballs hat noch mehr hinterlassen: Als er 1970 nach einer Hüft-OP wieder ins Ajax-Team zurückkehrte, war „seine“ Rückennummer 9 durch Teamkollege Gerrie Mühren belegt. Cruyff nahm stattdessen die 14, und fiel damit in einer Zeit, in der die ersten elf Spieler noch artig von 1 bis 11 durchnummeriert wurden (feste Rückennummern gibt es erst seit den Neunzigern) auf. Die 14 war damit lange vor CR7 und Diego Maradonas 10 die erste Nummer, die im öffentlichen Bewusstsein fest mit einem bestimmten Spieler verbunden war. Heute ist es längst üblich, dass Fußballer „ihre“ Rücknummer haben – egal, in welcher Liga. Und oft sind Geschichten mit der Nummernwahl verbunden, auch im Amateurfußball. Für unsere Serie „Meine Nummer und ich“ lassen wir Kicker aus der Region ihre Geschichte dazu erzählen – die ersten Teile finden Sie hier und hier.
Bis wir wieder Geschichten über Tore, Siege, Auf- und Abstiege unterhalb der Regionalligen schreiben können, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern. Der Abbruch der Saison im Amateurfußball ist extrem bedauerlich – aber eine andere Entscheidung war kaum möglich.
Wie sich Oliver Glasner, Trainer des VfL Wolfsburg, in Sachen persönlicher Zukunft entscheidet, ist weiter offen. Wie er das sieht und wie er die Chancen aufs Erreichen der Champions League beurteilt, hat er unserem Kollegen Engelbert Hensel in einem bemerkenswert offenen Interview verraten, das Sie am Samstag in der AZ/WAZ und im SPORTBUZZER lesen können.

Was war sonst? Unsere fünf Themen der Woche:

Wolfsburgs Mbabu: Nach Corona und Bänderriss auch noch ein gebrochener Arm!
In Sachen Vogel: Aussprache zwischen zwei VfL-Fußballerinnen und dem DFB-Boss
Absage für das gesamte DJB-Team: Auch Scoccimarro geht in Tiflis nicht an den Start
Drei Absteiger pro Regionalliga-Staffel? VfL-II-Boss Thiam: "Ist nicht so, dass wir zittern"
Grizzlys-Stürmer Pfohl verlängert vorzeitig bis 2024: "Das ist mein Zuhause"
Mein Satz der Woche:

 „Ich persönlich hätte keine Lust auf ein Training mit Heiko Vogel.“
Alexandra Popp, Kapitänin des VfL Wolfsburg und der Nationalmannschaft, über Gladbachs U23-Trainer, der zur „Strafe“ ein Frauenteam trainieren soll.
Ich wünsche Ihnen eine sportliche Woche!
Andreas Pahlmann
AZ/WAZ-Sportredaktion
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