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WAZ-Fanpost - Kanzlerin, Kommerz & Königsklasse

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Liebe Leserinnen und Leser,
…in unserem Job gehört es dazu, auch einmal mehrere Nachrichtenquellen gleichzeitig verfolgen zu können. Hier ein laufender Fernseher, dort die Verlags-internen Kommunikationskanäle, da ein Online-Stream und ein News-Ticker. Der vergangene Montag war dabei eine besondere Herausforderung. Denn wenn die Konzentration im Homeoffice mal für einen Moment nachließ, glaubte man schnell, dass Annalena Baerbock neuer Bayern-Trainer wird, Oliver Glasner womöglich neue Bundeskanzlerin und die CDU/CSU geschlossen in die Super League abwandert.
Mittlerweile hat sich alles wieder sortiert, und die Super-League-Idee war schneller weg als sie kam. Ich werde allerdings den Verdacht nicht los, dass die unprofessionell wirkende Exodus-Ankündigung von zwölf Klubs ihren eigentlichen Sinn dennoch erfüllt hat. Entschuldigen Sie an dieser Stelle bitte meine Wortwahl, aber wir sind ja hier unter uns: Die Super League wurde uns als so großer Haufen Scheiße präsentiert, dass der etwas kleinere Haufen Scheiße – nämlich die am Montag beschlossene Reform der Champions League – plötzlich als die bessere Alternative durchging. Dass es dabei nur um Kohle geht, wird mittlerweile ja nicht einmal mehr verschwiegen. Umso größer war die Freude über den heftigen Gegenwind, den die schamlose Zurschaustellung von Geldgier plötzlich erfuhr. Auch Lothar Matthäus positionierte sich – und natürlich kann man darüber streiten, ob er als Experte im Pay-TV nicht auch Teil der großen Kommerzialisierungs-Spirale ist. Aber als wir entdeckten, dass Matthäus auf seinem Facebook-Profi ein altes Foto aus Wolfsburg geteilt hat, wurde uns doch ein bisschen warm ums Herz. Auf dem Bild ist ein Wolfsburger Balljunge zu sehen, der mittlerweile Kreisliga-Trainer ist. Die Geschichte zu diesem Bild gehört zu den Dingen, die mir in dieser Woche am meisten Spaß bei der Arbeit gemacht haben.
Dass die großen Klubs vor allem in Spanien und Italien immer mehr Geld brauchen, um ihre überteuerten Kader zu refinanzieren, ist der wichtigste Nährboden der Super-League-Idee. Da auch der VfL Wolfsburg an der Schwelle zur Königsklasse steht, ist die Frage nach der Kaderplanung dort naheliegend. Manager Jörg Schmadtke hat sie uns relativ eindeutig beantwortet: Da der VfL nicht davon ausgehen kann, dass er drei oder vier Jahre am Stück in der Königsklasse spielen wird, kann er seinen Kader auch nicht so teuer machen, dass der Klub eine dauerhafte Champions-League-Teilnahme braucht, um seine Spieler zu bezahlen. Das ist eigentlich eine sehr simple Überlegung – aber im Lichte der Super-League-Diskussion wirkt sie super vernünftig.
Wie nah ist der VfL an der Champions League? Das kommende Spiel am Samstag gegen Borussia Dortmund kann eine Antwort auf diese Frage geben. Schon jetzt steht fest, dass Wolfsburgs Bundesliga-Fußballer am Ende dieser Saison mindestens Sechster sein werden. Nach Platz sieben in der Vorsaison und Rang sechs in der Spielzeit davor ist das eine Erfolgs-Kontinuität, die es in Wolfsburg so noch nie gegeben hat. Das ist ein sportlicher Erfolg, der angesichts der Achterbahn-Fahrt in den Jahren davor kaum hoch genug bewertet werden kann – auch wenn er gerade von der Aussicht auf einen noch größeren Erfolg überlagert wird. Gewinnt der VfL gegen Dortmund wächst sein Vorsprung gegenüber Nicht-Champions-League-Platz fünf auf acht Punkte an – das wäre dann drei Spieltage vor Schluss mehr als die halbe Miete.
Diese drei Spieltage werden unter verschärften Bedingungen stattfinden – denn die DFL hat sich angesichts der ernsteren Corona-Lage auf neue Quarantäne-Regeln für den Saison-Endspurt geeinigt. Alle Profis müssen für zweieinhalb Wochen ins Hotel, vorher gilt für sie eine Art Stubenarrest-Zeit, in der sie ihr Zuhause nur für Spiele und Training verlassen dürfen. Das ist ein schwerwiegender Eingriff in die persönlichen Freiheiten der Berufssportler, keine Frage. Aber angesichts der Perspektive, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen weiter ihrem Job nachgehen zu können, ein vergleichsweise kleines Opfer. Ein sehr kleines.

Was war sonst? Unsere fünf Themen der Woche:

Transferwirbel in Österreich: Unerlaubte Deals mit zwei Wolfsburg-Profis?
20 Saison-Tore! Wolfsburgs Weghorst peilt schon die nächste Marke an
Einen Tag nach Raschkes Nominierung: Eishockey-WM der Frauen abgesagt
3:2 gegen die Pinguins! Grizzlys Wolfsburg erzwingen Spiel 3 in Bremerhaven
Doch nicht gegen "Little Tyson": Gifhorns Boxer Idiev bekommt neuen Gegner
Mein Satz der Woche:

 „Das bin ja ich!“
Ehmens Trainer Toni Renelli, nachdem er sich auf einem Facebook-Foto von Lothar Matthäus entdeckt hatte.
Ich wünsche Ihnen eine sportliche Woche!
Andreas Pahlmann
AZ/WAZ-Sportredaktion
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